Tarantinos 9. Film: Noch nie hatte keine Handlung so grandioses Schauspiel

Wenn Quentin Tarantino einen Film in die Lichtspielhäuser der Nationen bringt, dann erwarten beinahe alle Fans – und solche, die glauben welche zu sein – derbe Sprüche, viel Blut, Sex, Drogen und Brutalität. In „Once upon a time in Hollywood“ macht der Kult-Regisseur vor allem eines: er bricht mit der Erwartungshaltung der Zuschauer – sogar, was den Film selbst betrifft.

Tarantino bricht mit allen Erwartungen

Die Story – sofern man eine erkennen möchte – handelt von Rick Dalton (Leonardo DiCaprio). Er ist ein Westernheld. Okay, er ist Schaupspieler, der einen Westernhelden spielt. Allerdings wechseln langsam die Angebote und er wird immer mehr der Bösewicht in Westerngeschichten.

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© Sony Pictures Entertainment

In einem Gespräch mit Marvin Schwarz (Al Pacino) wird ihm dies auch bewusst. Er hat noch einen großen Namen, doch sein Stern geht unter. Andere Filmproduktionen kaufen sich ihn günstig als Antagonisten für ein paar kurze Folgen ein, um die eigene Serie aufzuwerten. Er wird der Dauer-Bösewicht in Häppchenform. Darum soll er doch nach Italien gehen – Spaghetti-Western liegen dort voll im Trend.

Rick Dalton will sich mit dieser Tatsache aber nicht anfreunden und lehnt ab, kotzt sich wütend bei seinem besten Freund, Chauffeur, Haussitter und Stuntman Cliff Booth (Brad Pitt) aus. Das ist das Setting des Filmes. Nein. Anders. Das ist die Ausgangssituation. Der ganze Rest ist völlig egal. Man könnte auf nahezu alle weiteren Sequenzen verzichten, ohne dass der Zuschauer etwas merken würde. Wer weiß, was alles gestrichen wurde und niemand vermisst etwas.

Sharon Tate? Ja, war auch dabei.

Wer den Film bereits gesehen hat, wird vermutlich wütend aufspringen und rufen: „Aber was ist mit dem Polanski-Teil?“ Und ich sage es, wie es ist: komplett verzichtbar.

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Photo by ANDREW COOPER – © Sony Pictures Entertainment

Ich werde später noch erklären, warum ich dennoch extrem froh und dankbar bin, dass der Film genau so geworden ist, wie er nunmal wurde, aber für die Handlung an sich ist der ganze Plot um Sharon Tate (Margot Robbie) und Roman Polanski (Rafal Zawierucha) völlig verzichtbar.

Selbst wenn man ihn erzählt, kann man jeden Teil davon problemlos entfernen und niemand merkt etwas. Der Teil, als Tate ins Kino geht: verzichtbar. Der Teil, als sie hochschwanger mit Freunden zum Essen geht: verzichtbar. Der Teil, als sie in der Playboy Mansion ist: verzichtbar. Ebenso der Teil, als Cliff Booth die Antenne repariert. Oder das Hippie-Girl und dadurch die Charles-Manson-Clique kennen lernt. Etwas relevant für einen teildialog am Ende („I know you. What is your name?“ „I’m the Devil. And I’ll do devil things“ „No, no. It was something more stupid, like Max or Terry.“ „Kill him, Tex.“ „Tex! That’s it, it was Tex.“). Die Bruce-Lee-Sequenz: absolut überflüssig.

Jede „überflüssige“ Szene ist pures Kino-Gold

Und dennoch ist jede Szene für sich pures Gold – und meist aus einem einzigen Grund: sie gibt uns nicht, was wir erwarten. Und das ist vermutlich auch der Grund, warum so viele aus dem Film gehen und sagen: „Ich hab was besseres erwartet.“

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© Sony Pictures Entertainment

Nein, du hast etwas anderes erwartet. Nämlich einen Film, der wie jeder andere immer exakt nach dem selben Baukasten zusammengesetzt wurde. Und das hat dir Tarantino nicht gegeben – und darauf kommste nicht klar. Jeder hat erwartet, dass bei der Szene auf dem Dach ein heißer Blickkontakt zum Nachbargelände entsteht. Kam nicht. Jeder hat erwartet, dass ein ganz bestimmtes Gerücht aufgeklärt wird. Dass die Bruce-Lee-Szene anders endet. Dass in dem bestimmten Zimmer niemand liegt und pennt. Dass DiCaprio überfahren wird. Und so weiter. Das haben wir alle nicht bekommen. Keinem anderen Regisseur wäre das erlaubt gewesen.

Und gerade als man denkt, dass dieser Film nichts mit Tarantinos früheren Werken zu tun hat, genau in dieser Sekunde – kurz vor Ende – kommt der Regisseur um die Ecke und sagt: „Ach so, ihr hat (das und das) erwartet? Ja, okay, könnt ihr haben.“ und packt ein Finale hin, das man einfach nicht glauben mag. Wenn der Irrsinn des Gezeigten den Kinosaal zum Ausflippen bringt, dann hast du alles richtig gemacht.

DiCaprio und Pitt spielen sich in jeder Sekunde gnadenlos an die Wand. Die 10-jährige Julia Butters („Trudi“) ist eine Wucht und würde fast problemlos jeden deutschen Darsteller im Vorbeigehen von der Bühne schauspielern – zumindest die Darsteller, die hierzulande unter die Kategorie „Promi“ fallen. Wenn es hier keine Awards hagelt, dann ist der Traumfabrik auch nicht mehr zu helfen, ganz ehrlich. Der Film ist – und das muss man so knallhart sagen – trotz aller Längen, trotz aller (vermeintlich) sinnlosen Sequenzen und trotz aller Brüche ein absolutes Meisterwerk. Mr. Tarantino, sie haben es wieder einmal geschafft. Und danke, dass wir Luke Perry noch einmal sehen durften.

Fun fact: Wenn die fiktiven früheren Charaktere zweier hier beteiligten Schauspieler, nämlich Harley Quinn (Margot Robbie) und John (Mr.) Smith (Brad Pitt), ein gemeinsames Kind hätten, könnte es Harley Quinn Smith heißen. Ratet mal, wer den kleinen Nebencharakter Froggie spielt. Genau. Die Schauspielerin Harley Quinn Smith.

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Photo by ANDREW COOPER – © Sony Pictures Entertainment


Titelbild, Quelle: Sony Pictures Entertainment



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